Hach ja, ich kann es mittlerweile weder hören noch ertragen. Wie immer, bei jeder beliebigen Gelegenheit… seit Jahren:
- Jemand wurde angegriffen? Vorratsdatenspeicherung!
- Es regnet? Vorratsdatenspeicherung!
- Die Frau zickt rum? Vorratsdatenspeicherung!
*gähn* So auch die Tage wieder: Nach Magdeburg: Bundesregierung will Vorratsdatenspeicherung | heise online
Das Erschreckendste daran ist, dass der Täter von Magdeburg das ein Jahr vorher auf Twitter angekündigt und auch Behörden bedroht hat. Aber sowas kann eine Regierung natürlich dann und nur dann mitbekommen, wenn so Erkenntnisse aus einer illegalen Daten-Abschnorchelung stammen. Wenn man das einfach so im Internet finden kann oder die Drohung sogar vom Täter selbst persönlich an den Kopf geworfen bekommt, dann löst das natürlich keinerlei Erkenntnisgewinn aus. Wozu auch.
Besser als der folgende Kommentator zu diesem Beitrag kann man es nicht zusammenfassen: Es ist nicht zu glauben | Forum – heise online
Netzpolitik fasst den Wahnsinn schön zusammen: https://netzpolitik.org/2024/vorratsdatenspeicherung-eine-zweifache-farce/#netzpolitik-pw
Lasst uns das doch mal in einem geschichtlichen Verlauf betrachten: In Deutschland und der EU wird seit über zwei Jahrzehnten an der „letzten notwendigen Maßnahme“ gearbeitet. Jede neue Befugnis wird im selben Muster verkauft: „Nur noch diese eine Verschärfung, dann wird alles sicher – versprochen!“
Sobald sie beschlossen ist, folgt sofort, manchmal sogar ohne die sonst obligatorische Schamfrist die nächste Forderung, was man doch noch alles überwachen könnte. Wahlweise mit dem Slogan „gehen die organisierte Kriminalität“ oder aber „für die Sicherheit der Kinder!“
2001–2002 – Post-9/11-Pakete
Maßnahme: Anti-Terror-Gesetze I und II, Ausweitung der Befugnisse für Geheimdienste, erweiterte Auskunftspflichten von Telekommunikationsanbietern.
Politiker-Versprechen: „Ausnahmezustand. Nur für den Kampf gegen Terroristen. Das betrifft normale Bürger nicht.“
Realität: Viele Maßnahmen wurden später entfristet und gehören heute zum Standardwerkzeug.
2007 – Vorratsdatenspeicherung (VDS) in Deutschland
Maßnahme: Speicherung der Kommunikationsdaten aller Bürger – 6 Monate lang.
Politiker-Versprechen: „Ohne dieses Instrument können wir organisierte Kriminalität nicht bekämpfen.“
Realität: Mehrfach vom Bundesverfassungsgericht und EuGH kassiert. Forderungen nach Neuauflage kommen trotzdem bis heute regelmäßig.
2010 – ePass und biometrische Datenbanken
Maßnahme: Einführung automatischer Gesichtserkennung im Reisepass, biometrische Speicherung.
Politiker-Versprechen: „Das bleibt streng geschützt, wird niemals für Massenerkennung genutzt.“
Realität: 2017 der erste Versuch einer flächendeckenden Gesichtserkennung am Berliner Südkreuz.
2017 – Staatstrojaner für Polizei und Geheimdienste
Maßnahme: Quellen-TKÜ & Online-Durchsuchung für eine breite Liste von Delikten.
Politiker-Versprechen: „Nur bei schwersten Verbrechen. Niemals für Alltagskriminalität oder Prävention.“
Realität: Die Liste der Delikte wurde direkt bei Verabschiedung massiv erweitert. Kritiker nannten die Ausweitung „Generalangriff auf IT-Sicherheit“.
2018 – EU-Urheberrechtsreform (Uploadfilter)
Maßnahme: Automatisierte Filter, die Inhalte prüfen und blockieren, bevor sie online gehen.
Politiker-Versprechen: „Das sind KEINE Uploadfilter! Das wird alles problemlos funktionieren!“
Realität: Es sind Uploadfilter. Und ja: Sie blockieren weiterhin harmlose Inhalte.
2020 – Elektronische Patientenakte (ePA) & Gesundheitsdaten
Maßnahme: Flächendeckende Digitalisierung hochsensibler Gesundheitsdaten.
Politiker-Versprechen: „Maximal sicher, niemals ohne explizite Einwilligung genutzt.“
Realität: Späterer Wechsel zu Opt-out; Zugriff für weitere Stellen wird in Debatten bereits gefordert.
2021 – Chatkontrolle (erster Anlauf der EU)
Maßnahme: Scannen privater Nachrichten auf Kinderpornografie, auch verschlüsselt.
Politiker-Versprechen: „Das richtet sich ausschließlich gegen Kinderpornografie. Normale Bürger merken davon nichts.“
Realität: Massive Proteste, Pläne vorläufig gestoppt. EU-Kommission kündigt „Verbesserungen“ an – mit denselben Inhalten.
2022 – Quick Freeze / erneute VDS-Debatten
Maßnahme: Einführung von gezielten Speicheranordnungen, flankiert von neuen Forderungen nach pauschaler Vorratsspeicherung.
Politiker-Versprechen: „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Keine anlasslose Speicherung mehr.“
Realität: Schon im selben Jahr Forderungen verschiedener Innenminister nach einer „Rückkehr zur vollständigen VDS“.
2023 – Ausbau der EU-weiten Fingerabdruckpflicht
Maßnahme: Pflicht-Fingerabdrücke in Personalausweisen, europaweit einheitliche Datenbanken.
Politiker-Versprechen: „Nur zur sicheren Identifikation, niemals für Fahndungsdatenbanken.“
Realität: Europol forderte kurz darauf eine Erweiterung genau dafür.
2024 – EU-Chatkontrolle (neuer Anlauf)
Maßnahme: Einführung verpflichtender Mandantenprüfung, „Client-Side-Scanning“, Kategorisierung des „Risikoprofils“ jedes Bürgers.
Politiker-Versprechen: „Verschlüsselung bleibt unangetastet.“
Realität: Verschlüsselung ohne private Gerätedurchsuchung wird praktisch sinnlos – die Inhaltsprüfung wandert einfach auf das Handy.
2024–2025 – KI-Überwachung & automatisierte Gefahrenprognosen
Maßnahme: Einsatz von KI zur Mustererkennung in Videoüberwachung, automatische Risiko-Bewertungen.
Politiker-Versprechen: „Das ist keine Gesichtserkennung, das ist nur Verhaltensanalyse.“
Realität: Die Grenze zwischen Verhaltensmustern und Identifikation ist in der Praxis kaum trennbar.
2025 – Chatkontrolle 2.0: Der neueste Versuch
Maßnahme: Überarbeitung des Entwurfs, diesmal „risikobasierte Detection Orders“, die Behörden gegen Provider aussprechen.
Politiker-Versprechen: „Jetzt ist es ausgewogen. Jetzt sind Grundrechte geschützt. Jetzt ganz sicher!“
Realität: Die technische Grundlage ist identisch: Client-Side-Scanning, Profilbildung, Inhaltsscans.
Fazit
Seit 20 Jahren folgt die Überwachungspolitik in Deutschland und der EU einem einfachen Dreiklang:
- Neue Maßnahme fordern – mit maximalem Bedrohungsszenario.
- Versprechen, dass es wirklich nur diesmal notwendig ist.
- Unmittelbar nach Umsetzung weitere Verschärfungen verlangen.
Was mit Terrorabwehr begann, umfasst inzwischen Gesundheitsdaten, private Chats, Bewegungsprofile, biometrische Merkmale und automatisierte Inhaltsfilter.
Und jede kommende Gesetzesinitiative trägt dieselbe Botschaft:
„Nur noch diese eine Maßnahme…“
Update vom 17.01.2025:
Anschlag in Magdeburg: Wie konnte A. durchs Raster fallen? | tagesschau.de Interessante Erkenntnis: die Daten der Polizei müssen gebündelt werden, sagt unsere Innenministerin. Aaah ja. Klar. 105 Einzelhinweise reichen natürlich nicht. Aber wenn die jemand schön zusammengeführt, ausgedruckt, mit einer ordentlichen Buchbindung versehen hätte, dann wäre natürlich sofort was passiert! Auf den lästigen Kleinigkeiten wie der Frage „Wenn man jetzt schon zu dämlich ist, die bestehenden Daten zusammenzuführen, wie wollen unsere Sicherheitsfanatiker das dann mit illegal abgeschnorchelten Daten schaffen?“ geht man da natürlich nicht ein.
Attentäter von Magdeburg: Mehr als 100 Mal auffällig geworden | tagesschau.de
Ebenfalls sehr schön, war halt nun mal keiner so richtig zuständig.
Ich kann wieder mal gar nicht so viel fressen, wie ich gerne kotzen möchte. Zum einen regt mich das Totalversagen sämtlicher Sicherheitsbehörden auf, noch mehr aber dieses Kleinkind-Gequengel bezüglich der Vorratsdatenspeicherung: „Ich will! Ich will! Ich will! Ich will! Ich will! Ich will! Ich will! Ich will! Ich will!“. Traurig.
Update vom 23.04.2025:
Na sieh an schau guck. Nachdem wir nun eine Koalition aus CDU und SPD bekommen werden, ist laut Koalitionsvertrag nun auch endlich die einführung der heißgeliebten Vorratsdatenspeicherung geplant.
Rein vom Verstand und vom Datenschutz her ist und bleibt es natürlich schwachsinnig aber nun gut, wir nehmen die bisherigen Quengeltüten, die uns 20 Jahre lang einen vorgeplärrt haben beim Wort – ich hab das doch richtig verstanden, dass es ab der Einführung der VDS dann nun niemals wieder einen Terror-Anschlag oder ein ernstes Verbrechen in Deutschland geben wird, oder? ODER?
Update vom 16.11.2025:
War lustig, nachdem dann die Chatkontrolle 3.0 auf die Fresse geflogen ist, hat dann der dänische Vorsitz das direkt einfach noch mal versucht. Weil es ja leider nicht strafbar ist, einfach 300x die gleiche doofe Frage zu stellen, vielleicht sagt ja doch jemand „ja“.
Sieht so aus, als hätte es dieses mal genug Gegenwind gegeben, sie rudern zurück und sagen nun „ja nee, es ist ja nicht verpflichtend für die Provider“. Schön schön, also rechnen wir dann mal für Weihnachten mit den nächsten Versuch, alles abzuschnorcheln, äh, unser aller Leben viel toller und sicherer zu machen.
Alle Updates findet man in der Regel unter https://fightchatcontrol.eu oder bei der Seite von Patrick Breyer.
Einen habe ich noch: die Gerichte sind nun auch der Meinung, dass die Polizei auf beschlagnahmter Hardware nicht so lange rumsitzen darf, bis der Besitzer verstorben ist oder die Hardware nur noch Schrottwert hat. Geht doch.
Update vom 27.11.2025:
Na, immerhin ist die tolle Chatkontrolle nicht verpflichtend geworden. Aber die lieben Tech-K0nzerne dürfen wenn sie wollen… würden die ja zum Glück nie machen *hust*
Update vom 06.12.2025:
Sag doch mal einer was nettes. Mir fällt nix mehr ein dazu…
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Update vom 22.12.2025:
Kriegen wir jetzt doch endlich, endlich die heißgeliebte Vorratsbratenspeicherung, so zu Weihnachten? https://www.heise.de/news/Justizministerin-Hubig-will-Vorratsdatenspeicherung-fuer-drei-Monate-11122442.html Dann wären wir endlich sowas von sicher!
Update vom 23.12.2025:
Nachdem sie mit „Chatcontrol 3.0“ mal wieder gescheitert sind, wie wäre es denn mit „Chatcontrol 3.1 alias Going Dark„? Diesmal direkt auch gleich mit Angriff auf VPNs, wo sie schon mal dabei sind. Das Schlimme ist ja, dass unsere Möchtegern-Diktatoren und Schlapphut-Träger mit ihren permanenten „ich will aber!!!einseinself!!“ Versuchen nur einmal Erfolg haben müssen, während die vernünftigen Menschen jedes Mal Erfolg haben müssen, um diesen Quatsch abzuwenden.